22.3.2006 Interview mit Jonas Reckermann, zweifacher Europameister



Hallo, Jonas. Vielen Dank für deine Bereit-schaft für die HK-Homepage ein Inter-view zu geben! Du bist zurzeit verletzt. Wie ist es zu dieser Verletzung gekommen und wie sehen die Heilungs-chancen aus?
Hallo und "Grüezi" zusam-men! Ich habe mir im vergangenen Oktober im Training den Adduktor teilweise abgerissen und später wurde auch noch eine Rückenverletzung diagnostiziert. Die Heilungschancen sind sehr gut, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen, aber es wird einfach eine Weile dauern bis ich wieder zu 100 % hergestellt sein werde.

Wie sieht dein Rehabilitations-Alltag aus? Was sind deine kurzfristigen bzw. mittelfristigen Ziele?
Ich mache sehr viel Reha-Training, arbeite insbe-sondere an der Körperstabilität, gehe viel schwim-men, fahre Fahrrad und nutze physiotherapeutische Behandlungen. Mein Ziele ist es, im Laufe der Sai-son wieder einzusteigen. Meine Verletzung möchte ich jedoch in jedem Falle vollständig ausheilen, um das langfristige Ziel Peking 2008, ab der nächsten Saison in Angriff zu nehmen.

Neben den physischen Unregelmässigkeiten ist es bestimmt schwierig, psychisch mit der Situation, in der du dich befindest, umzugehen. Wer unterstützt dich in dieser Phase, woher holst du dir deine Motivation? Was lernst du Neues in dieser Zeit?
Man merkt, wie abhängig man von seinem Körper ist. Der Kopf möchte natürlich möglichst schnell Fortschritte machen und gerne sofort wieder auf dem Platz stehen, aber der Körper sagt (vorerst) „Nein“. Mir geht es aber dennoch nicht permanent schlecht, ich habe vorübergehend andere Tätig-keitsbereiche ausgedehnt, z.B. schließe ich zur  Zeit mein Lehramtsstudium ab, wofür ich sonst noch etwas länger gebraucht hätte. Auch habe ich jetzt mehr Zeit für Freunde und Familie, so dass ich mich ganz gut ablenken kann. Dennoch vermisse ich natürlich zwischendurch den Beachvolleyball und den Wettkampf mit anderen Spielern.

Gehen dir als Spitzensportler in solchen Zeiten auch Gedanken durch den Kopf wie „Was würde ich machen, wenn ich gar nicht mehr Sport treiben könnte?“.
Diese Gedanken habe mich mir eigentlich immer gemacht und daher auch zwar langsam aber stetig weiterstudiert. Selbst wenn ich bis Ende 30 Beach-volleyball spielen sollte – das Ende kommt immer irgendwann und darauf sollte man vorbereitet sein. Dass dieses auch schneller kommen kann, wegen schwerwiegenderer Verletzungen, auch das sollte ein Profisportler zumindest im Hinterkopf haben. Aber da mache ich mir im Augenblick keine Sor-gen. Die Situation ist zwar z.Zt. nicht befriedigend, aber auch nicht dramatisch.
Ganz abgeschlossen ist mein Lehramtsstudium noch nicht – ich möchte auch nach dem Abschluss zunächst eine Tätigkeit im Sportmarketing/-managementbereich ausprobieren. Könnte mir gut vorstellen, dass mir das liegt. Ansonsten war aber Sport- und Geographielehrer früher mein Traum-beruf, so dass ich mir das auch jetzt noch vorstellen kann.

Die Teams HeuscherKobel und Dieckmann/ Reckermann scheinen durch die gemeinsamen Trainings einiges profitiert zu haben voneinander. Wie hast du Stef und Päddy kennengelernt?
Wir haben in jedem Falle voneinander profitiert und sind ja auch nahezu parallel aus der Qualifikation bis in die absolute Weltspitze hochgeklettert. Zum ersten mal kennengelernt habe ich die beiden auf Sardinien 2001, wir absolvierten dort unser erstes gemeinsames Trainingslager von vielen weiteren...

Wie hast du den bisher grössten Erfolg von HK, den dritten Platz der Olympiade von Athen, mitbekommen? Welche Gedanken sind dir durch den Kopf – „Mensch, wenn die das schaffen, könnte ich das auch“?
Ich war live dabei und habe auch einige Photos gemacht. Es war ein sehr tolles Erlebnis, keinem anderen Team hätte ich diese Medaille mehr ge-gönnt. Wir waren immerhin an Position vier gesetzt und hatten in dem Jahr zwei Turniere der Worldtour gewonnen, daher wusste ich immer, dass wir eine Chance auf eine Medaille hätten. Nur leider hatten wir im Achtelfinale ein relativ schlechtes Spiel gemacht...

Wo siehst du die Qualitäten im Spiel von HK?
Beide sind ehrgeizig und arbeiten absolut profes-sionell. Hinzu kommt die spielerische Klasse zweier sehr guter Einzelspieler. Zudem ist es von großem Vorteil, wenn man wie die beiden seit Jahren zu-sammen spielt. Die Bewegungsabläufe werden dadurch automatisiert, man weiß ziemlich genau, wie der Partner denkt und handelt. 

Dein Team-Partner, Markus Dieckmann, spielt jetzt mit Eric Koreng zusammen. Was schätzt du an Markus?
Markus ist Profi durch und durch. Das meine ich im positiven Sinne! Er hat immer ein Ziel vor Augen und steuert mit aller Macht geradlinig darauf zu. Zugleich ist er ein sehr impulsiver und direkter Typ, daher weiß ich immer recht gut, was gerade in ihm vorgeht und kann versuchen darauf zu reagieren – auch wenn das manchmal bedeuten kann, besser gar nicht auf ihn einzuwirken... Unser Spiel lebt von seiner positiven Aggressivität, wir haben im Laufe eines Spiels selten einen Spannungsabfall, der un-seren Gegnern leichte Punkte bescheren würde.

Stichwort Olympiade. „Peking 2008“ zieht am Horizont schon langsam aber sicher auf. Träumst du manchmal davon Olympiasieger zu werden? Was braucht es, um Olympiasieger zu werden?
Ein Olympiasieg ist natürlich für jeden Sportler das Größte. Neben etwas Talent und den entsprechen-den körperlichen Voraussetzungen benötigt man in erster Linie den Willen, Ehrgeiz und das passende Umfeld, um an den Schwächen zu arbeiten und die Stärken herauszukehren.

Jonas mit einer (ausgeliehenen) Goldmedaille der Olympischen Spiele von Athen 2004.

Deutschland ist (neben der Schweiz) im World-ranking 2005 hinter Brasilien die stärkste Na-tion. Was bräuchte es, um die Brasilianer als Nummer-1-ablösen zu können.
Das ist sicherlich sehr schwierig. Die Brasilianer haben nicht nur 365 Tage im Jahr die besten Wet-terbedingungen, sondern auch ein scheinbar uner-schöpfliches Reservoir an guten Spielern. Nach Fußball ist (Beach-)Volleyball DIE Sportart in Bra-silien. Dass es dennoch möglich ist, haben die letz-ten Jahre gezeigt, die Europäer sind kontinuierlich besser geworden, haben beispielsweise die US-Amerikaner überholt. Der eingeschlagene Weg ist sicherlich richtig, vielleicht langt es in den kommen-den Jahren auch mal für Platz eins für ein euro-päisches Team.

Wohin entwickelt sich das Beachvolleyballspiel in den nächsten drei Jahren? Welche Teams siehst du als Aufsteiger?
Nach wie vor steigt das sportliche Niveau der noch jungen Sportart. Immer mehr Hallenspieler gehen in den Sand, gerade die Osteuropäer holen weiter auf. Nachdem im letzten Jahr z. B. die Esten Kais/ Versik einen Satz nach vorne gemacht haben, könnte dies im nächsten Jahr einem russischen Team gelingen. Dennoch werden auch in den kom-menden Jahren die Teams aus Brasilien, Deutschland, der Schweiz, USA und Spanien die meisten Topplatzierungen unter sich ausmachen.

Wie wichtig ist ein Trainer für dich? Welche Qualitäten zeichnen ihn aus?
Ein Trainer ist sehr wichtig für mich bzw. unser Team. Die kontinuierlichen Leistungssprünge hätten wir ohne Jürgen (Wagner) sicher nicht geschafft. Zum größten Teil ist er natürlich im technisch-taktischen Bereich gefragt, aber auch außerhalb des Platzes nimmt er eine nicht zu unterschätzende Rolle ein. Gerade wenn Markus und ich mal unterschiedliche Meinungen über irgendeine Sache haben, dann kann ein Trainer als neutrale Person die Situation einschätzen und auf einen Nenner bringen.

Jonas, herzlichen Dank für deine Antworten! Die ganze Beachvolleyball-Schweiz wünscht dir gute Besserung! Wir freuen uns, dich wieder spielen zu sehen, vor allem natürlich auch in der Schweiz!!!

Kurzantworten:

Nenne drei Vorteile im Leben als Beachvolleyballprofis.
Sonne, Strand, Eigenständigkeit

Und drei Nachteile?
Reisestress, Freunde werden im Sommer vernach-lässigt, Sonnenbrand

Gibt es für dich ein Lieblingsturnier auf der Tour?
Klagenfurt und Berlin (aber dann kommt direkt Gstaad...)

Dein Lieblingsspieler auf der Tour?
Mark Heese

Deine Lieblingsgegner auf der Tour?
Kais/Vesik

Eine Anekdote aus deinem Leben als Beach-Pro?
Als ich das erste mal in Rio war, habe ich an den Strandbars so grüne Dinger nicht identifizieren können, worauf Steff mich ziemlich ausgelacht hat, wollte mir einreden, dies wären Stranddatteln. Das habe ich zwar nicht geglaubt, aber dass das (grüne) Kokosnüsse waren habe ich erst am nächsten Tag bemerkt...

Die ersten drei Plätze an der Fussball-WM 2006 in Deutschland ?
Brasilien, Deutschland, Argentinien. Die Schweiz kommt sensationell ins Halbfinale, verliert dort jedoch gegen Deutschland mit 2:3 (Tore: Streller, Cabanas - drei mal Podolski).

Das Team HK über Jonas:

Patrick Egger:
"Jonas ist ein sehr ehrgeiziger, seriöser und äusserst talentierter Beachvolleyballer. Seine Stärken sind klar der Service und sein Block. Ich schätze Jonas menschlich sehr und ich freue mich immer wieder auf gemeinsame Trainings mit Jonas. Mit ihm kann man sehr gut und seriös trainieren. Ich wünsche Jonas alles Gute und eine schnell Genesung, damit er möglichst schnell wieder auf der Tour ist - sonst fehlt einfach etwas!!!"

Stefan Kobel:
"Jonas ist einer der besten Service und Blockspieler der FIVB Worldtour. Konstant, stabil, clever und gefährlich! Zudem super Kumpel im Training und in der Freizeit. Ich schätze seine Zuverlässigkeit und seine lustige und lockere Art. Gute Besserung, Jonas, bis bald!!"

Patrick Heuscher:
"Jonas ist vor allem ein guter Freund. Er ist aber meiner Meinung nach auch einer der Weltbesten Blocker und Sideout-Spieler. Seine Einstellung zum Sport ist absolut vorbildlich, wenn man das alles zusammenfasst, einfach ein guter Typ, der beste Trainingspartner, den man sich vorstellen kann. Ich wünsche Jonas, dass er bald wieder mit dabei ist – gute Besserung!"

Name: Jonas Reckermann
Geburtsdatum: 26.5.1979
Größe: 2,00 m

2000
U-23 Europameister

2001
Deutscher Meister
9. Platz Weltmeisterschaft

2002
Europameister

2003
Vize-Europameister
Weltrangliste 5.

2004
Europameister
9. Platz Olympiade Athen
1. Platz Grand-Slam Berlin
1. Platz World-Tour Rio de Janeiro
Weltrangliste: 5.

2005
2. Platz European Championshiptour Alanya
1. Platz Masters Hamburg

 




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